Das Gender-Gen verbreiten

Elfriede Hammerl, vielfach ausgezeichnete Journalistin und Kolumnistin bei „profil“, Mitinitiatorin des erstem österreichischen Frauenvolksbegehrens 1997, Autorin mehrerer Romane, Erzählungen, Drehbüchern und Theaterstücken – herausragende Feministin Österreichs, Vorbild für so viele in diesem Land, eine große Frau – verabschiedet sich nach zehn Jahren im Vorstand des Frauennetzwerk Medien aus dieser Rolle. Sie bestärkte in ihrer Rede das Gender-Gen in uns Journalistinnen und Medienfrauen. Sie stärkt uns den Rücken, immer wieder den Finger auf wunde Punkte in unserer nach wie vor patriarchalen Gesellschaft zu legen, nicht nachzulassen in der Redaktionen und Gleichberechtigung einzufordern! Die Worte, die sie uns allen im Frauennetzwerk Medien mit auf unseren Weg gibt!

Ihr Lieben,

neulich, als ich in meinen Mails etwas suchte, bin ich auf einen Mailwechsel mit meiner, unserer Freundin und letzten Vorsitzenden Edith Stohl gestoßen, die wir immer noch schmerzlich vermissen. Darin hat Edith mir geschrieben, und ich zitiere es, weil es mich sehr stolz macht:

„Hiermit bestätige ich ganz offiziell, dass DU das Gendergen in mir geweckt hast. Ich hatte mir sehr oft gedacht, dass darf doch alles nicht wahr sein. Aber niemanden, den ich kannte, schienen die Verhältnisse zu stören. Und dann kamst du und ich wusste, ich habe doch recht. “

Ich zitiere das nicht nur aus Freude an diesem Lob und auch nicht nur aus Eitelkeit, sondern weil Ediths Worte etwas ansprechen, was ganz wesentlich ist:  Wir alle brauchen Bestätigung und Unterstützung. Und: Es gibt sowas wie ein Gender-Gen, wir können es auch feministisches Bewusstsein nennen, das wir in anderen wecken und an andere weitergeben können. Von den Älteren zu den Jüngeren. Von Frau zu Frau. Von Frau zu Mann. Ja, das auch. Nur wenn sich das Gender-Gen ausreichend verbreitet, wenn wir einander bestätigen und unterstützen, können wir etwas bewirken. Das ist einer der Gründe, warum Netzwerken so wichtig ist.

 Denn sonst ändert sich nichts. Sonst bleibt es dabei, dass wir auf die Verhältnisse blicken und denken, dass nicht wahr sein dürfte, was leider Realität ist. Einzelkämpferinnen sind zwar bewundernswert, aber am Ende brauchen sie doch auch die anderen, damit sich ihre Denkanstöße fortpflanzen in einer Art von Dominoeffekt.

Zur Zeit ist das Gender-Gen grad nicht in Mode. Die Frauenministerin hat es nicht, sie will keine Feministin sein. Die Ministerinnen der türkisen Riege haben es nicht, sie sind alle jung, fesch, taff, im Sprechblasensprech trainiert und erinnern an die Frauen von Stepford. (Einige Minister übrigens auch.)

Ihr kennt die „Frauen von Stepford“? Das ist ein Roman des amerikanischen Autors Ira Levin aus dem Jahr 1972, zweimal verfilmt, und der Plot ist kurz gesagt der, dass sich die weibliche Population einer Stadt namens Stepford, lauter schöne, gefügige Frauen, als eine uniforme Gruppe ferngesteuerter Roboter entpuppt. Der Begriff „Stepford Wife“ wurde im englischen Sprachraum zum Synonym für die „perfekte“, immer liebenswürdige, den Wünschen ihres Mannes entsprechende Ehefrau. Aktuelle Stepford Wives richten sich nicht unbedingt nach den Ansprüchen eines Ehemannes, aber sie funktionieren nach den Regeln eines Anführers, einer politischen Peer Group, die ihnen ihre Grenzen absteckt. Die Peer Group ist männlich. Stepford Wives unterwefen sich ihren Vorgaben.

 Die Stepford Wives senden falsche Signale aus. Sie suggerieren gleiche Chancen und Gleichstellung, wo tatsächlich eine strikte Rollenverteilung herrscht. Sie spielen ihre Rolle, den Text schreibt die männliche Peer Group, sie haben ihn verinnerlicht.

 Die Aushöhlung feministischer Ziele und den Missbrauch feministischer Parolen gibt es schon länger. Alle die „Women’s Days“, die so tun, als würde die Welt heutzutage den Frauen zu Füßen liegen, und die doch nur weibliche Kaufkraft abschöpfen wollen, gehören dazu. (Sie „schenken“ den Frauen an speziellen Tagen Prozente beim Einkauf, die sie ihnen an allen anderen Tagen des Jahres draufschlagen. Denn Frauen, man weiss es, zahlen mehr, fürs Haareschneiden, für die Hautcreme, für den Damenrasierer… Dafür gibt es sogar Namen: Gender Pricing oder Pink Tax.)

 All die mehr oder weniger sinnlosen Produkte gehören dazu, die angeblich speziell für „starke Frauen“ designt wurden – Handtücher, T-Shirts, sogar Korkenzieher mit markigen Aufdrucken, in denen das Wort „Frauenpower“ vorkommt. Sogar von Dior gibt es ein T-Shirt mit der Aufschrift „We should all be feminists“, es kostet schlanke 550 Euro und wird vermutlich der Einkommensschere zum Opfer fallen.

 Alle die Werbespots gehören dazu, in denen coole Mädels total selbstbestimmt den „richtigen“ Burger, die „richtigen“ Stiefeletten, das „richtige“ Auto wählen, das zu ihnen passt, weil es so individuell ist wie sie und doch schon millionenfach zu kaufen.

 Auch Frauenzeitschriften – und da sind wir jetzt mitten in unserer eigenen Branche – haben aufgehört, Emanzipation igitt zu finden. Sie verwenden, im Gegenteil, Feminismus als Lifestyle-Accessoire, vorsichtig dosiert, damit er die Inseratenkundschaft nicht verstört.

 Alle diese scheinbaren Loblieder auf den Feminismus und starke, emanzipierte Frauen sind eine verlogene Etikettierung alter Rollenklischees oder benützen zusammenhanglos Lehnwörter aus dem femistischen Vokabular, die sich durch ihre sinnentfremdete Verwendung ad absurdum führen.

 So gesehen könnte frau es fast schon erfrischend ehrlich finden, wenn eine Frauenministerin betont, dass sie keine Feministin ist. Es kann aber auch bedeuten, dass Schluss mit lustig sein soll. Dass man es nicht mehr der Mühe wert finden muss, so zu tun als ob.

 Wie sollen und wollen wir unter diesen Umständen das Gendergen weitergeben? Sollen wir überhaupt wollen? Ich denke schon. Denn behauptete Gerechtigkeit macht die Welt ja nicht wirklich gerechter, und die Ungerechtigkeit fällt uns allen früher oder später mehr oder weniger auf den Kopf. Manchen vielleicht weniger und später, aber wir wollen, hoffe ich, ja nicht nur an uns selber denken.

 Corona hat uns gezeigt und zeigt’s uns noch immer, wie ungleich die Lasten verteilt sind und wie schnell wir in alte Muster der ungleichen Verteilung zurückfallen. Da helfen dann keine Women’s Tage und keine Girliepower und keine pinken Rasierer.

Was heisst das alles für uns Journalistinnen? Wir sind keine Politikerinnen. Aber wir beobachten und kommentieren die gesellschaftlichen Zustände und haben damit einen gewissen Einfluß, einerseits auf Wählerinnen und Wähler, andererseits auf Politikerinnen und Politiker. Das bedeutet Verantwortung.

 Die Wissenschaftlerin und Medienexpertin Maria Pernegger untersuchte 2017 für das Marktforschungsunternehmen Media Affairs – mit Unterstützung der Arbeiterkammer Wien und dem Team des Journalistinnenkongresses – sechs Tageszeitungen, die bekanntesten österreichischen Akteure in den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter und die Arbeit der Parlamentsparteien, um herauszufinden, wie präsent Frauen und Frauenpolitik in diesem Jahr waren. Die Ergebnisse machten nicht übermütig und sind, wie ich fürchte, nicht vom galoppierenden Fortschritt hinweggefegt und obsolet geworden.

 Das hat Maria Perneggers Studie damals herausgefunden, vielleicht erinnert ihr euch ja noch:

 Klassische Frauenpolitik bleibt ein politischer und medialer Nebenschauplatz.  Medial und politisch erfolgreich waren nur „Aufregerthemen“ wie das Burka-Verbot, der Po-Grapsch-Paragraf, das Binnen-I oder 2017 vor allem die #Metoo-Debatte.

Nicht einmal drei von zehn abgebildeten Personen in den analysierten Qualitätsmedien waren Frauen.

Auf Facebook und Twitter war der Geschlechterunterschied noch stärker ausgeprägt, weil Frauen diese Kanäle zwar ebenso häufig nutzen wie Männer, aber dort weniger Reichweite generieren. 

 Und: Medien zementieren durch ihre Art der Darstellung oft Rollenklischees ein, anstatt sie aufzubrechen.

  Frage: Wer, wenn nicht wir, soll dafür sorgen, dass unsere Interessen kein Nebenschauplatz bleiben, der bloß willkürlich fallweise bespielt wird?

Das heisst natürlich nicht, dass wir die Frauenpolitik jetzt alle zu unserem Schwerpunktthema machen müssen. Ist nicht notwendig. Genderpolitik ist bekanntlich eine Querschnittmaterie. Schon vor fünf Jahren habe ich in einer Rede für unsere damalige Generalversammlung auf den Querschnittcharakter der Genderfrage hingewiesen, und weil der Hinweis immer noch aktuell ist, erlaube ich mir, mich kurz zu wiederholen:

 Auch wenn es in unserer Arbeit explizit nicht um Frauen geht, spielen sie implizit doch immer eine Rolle. Sie sind Betroffene von der Innen- wie von der Aussenpolitik, und häufig sind sie anders betroffen als Männer. Weltweit  sind genauso viele Frauen auf der Flucht wie Männer, thematisiert wird häufig vor allem die Situation der Männer – zugegebenermaßen nicht uneigennützig, denn sie sind diejenigen, die es bis zu uns schaffen und uns vor Probleme stellen. Trotzdem: Frauen sind in den Lagern, in denen sie zurückbleiben, von Vergewaltigung und vom Verhungern bedroht, das ist bekannt, das wird gelegentlich kommuniziert, irgendeinen politischen Druck erzeugt es nicht.

Finanzpolitik wirkt sich in mancher Hinsicht auf Frauen anders aus als auf Männer, Stichwort Gender Budgeting.

  Wirtschaft: Stichworte Führungspositionen, Quote, Einkommensschere.     Kultur – eine lange Tradition des Übergehens, Übersehens, Kleinredens von Frauen. Und so fort, bis hin zur feuilletonistischen Plauderei über Kinder und Haushalt, die a priori durchaus ihre Berechtigung hat, denn das Private ist bekanntlich politisch. Und wenn die Darstellung des Privaten dazu dient, Rollenbilder zu thematisieren, den alltäglichen Umgang mit Rollenanforderungen, die Diskrepanz zwischen theoretischem Anspruch und praktischen Möglicheiten zu veranschaulichen, dann nützt uns das. Wenn sie hingegen nur insofern politisch wirkt, als sie suggeriert, dass sich Frauen am liebsten in ihrer kleinen apolitischen Welt tummeln, dann schadet es uns. Also: Achtung, Falle.

 Ich weiss, ihr wisst das alles, ihr kennt euch aus, ihr seid ohnehin am Ball, eure Courage, eure Einsatzbereitschaft, eure Kraft sind bewundernswert, deswegen können wir Veteraninnen uns ganz beruhigt aufs Altenteil zurückziehen. Ich wollte euch zum Abschied auch gar nicht belehrend kommen, sondern euch nur den Rücken stärken. Ihr seid nicht allein. Ihr habt recht, wenn euch die Verhältnisse auf den Geist gehen. Ihr habt recht, wenn ihr sie ändern wollt. Ihr seid nicht verbissen und verbiestert, wenn ihr auf eurer Perspektive beharrt, statt euch opportunistisch mit der männlichen Peer Group und ihren Cheerleaders zu arrangieren. Ihr seid toll!

 Ich wünsche euch weiterhin viel Kraft und viel Erfolg und Freude an eurem Einsatz! Bleibt wachsam und spöttisch und pflegt das rosa Handtaschl!

Passt auf euch auf und bleibt gesund!

Eure Elfriede Hammerl

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